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Wiederkehrende Reaktionen auf Gewalttaten

Heuchelei aus Textbausteinen

  • Foto: Marcus Michel
    Transparent auf einer Montagsdemo in Leipzig während der Friedlichen Revolution 1989/90, ausgestellt im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig.
27. Juli 2026

Die zunehmende Polarisierung unserer Gesellschaft offenbart sich besonders drastisch in den Momenten, in denen das gesellschaftliche Entsetzen eigentlich am größten sein sollte. Wenn politisch motivierte Angriffe auf Infrastruktur, brutale Gewalttaten gegen Amts- und Funktionsträger oder „Zufallsopfer“, wie auch extremistische Anschläge in Verkehrsmitteln, auf Volksfesten oder Demonstrationen das Land erschüttern, folgt im politisch-medialen Betrieb ein verlässlich ritualisiertes Schauspiel, das unsere Gesellschaft nicht zusammenführt, sondern die Gräben oft noch weiter vertieft.

Statt ehrlicher, rationaler und selbstkritischer Ursachenforschung erleben wir ereignisbezogene Wellen immer gleicher Phrasen und Worthülsen aus der Politik. Diese reflexartigen Reaktionen hinterlassen bei vielen Menschen nur noch wachsende Gefühle der Ohnmacht, der Wut und einer tiefen Entfremdung von demokratischen Institutionen.

Jedes Mal, wenn Unvorstellbares geschieht, läuft die Maschinerie der politischen Kommunikation wie ein Fließband an. Erste offizielle Reaktionen bestehen fast ausnahmslos aus Begriffen wie „Feigheit“, „Hinterhältigkeit“, bedarfsweise mit den Floskeln „Angriff auf Freiheit und Demokratie“, „Angriff auf unsere offene Gesellschaft“ oder „Angriff auf uns alle“ versehen und schließlich mit der unumstößlichen Feststellung dekoriert, dass ein solcher Akt „durch absolut nichts zu rechtfertigen“ sei. 

Politiker versichern reflexartig, man sei „schockiert und zutiefst erschüttert“. Je nach politischer Ausrichtung folgen als Textbausteine die gewohnten Versprechen, der Rechtsstaat werde mit der „ganzen Härte des Gesetzes“ antworten und man werde im Kampf gegen Gewalt, Terror oder Extremismus „keinen Zentimeter weichen“, zuweilen folgt dann noch der erhobene Zeigefinger, „die Tat nicht für politische Zwecke zu instrumentalisieren“ oder „die Tat Einzelner nicht auf eine (dann plötzlich abgegrenzte) Personengruppe zu verallgemeinern“. 

All diese Aussagen sind vollkommen richtig, niemand würde ihnen widersprechen. Doch in ihrer endlosen, fast roboterhaften Wiederholung nach jeder Tragödie haben sie ihre emotionale Tiefe und moralische Wirkung inzwischen völlig verloren. Sie sind zu einer Art kommunikatives Placebo verkommen, welches Entschlossenheit simulieren soll, wo jedoch in Wahrheit oft Hilflosigkeit und Ratlosigkeit herrschen.

Diese sprachliche Erstarrung ist Symptom und gleichzeitig gefährlicher Katalysator einer fortschreitenden gesellschaftlichen Spaltung. In einer sich fragmentierenden Gesellschaft, in der sich politische Lager zunehmend unversöhnlich, feindselig und aggressiv gegenüberstehen, werden solche Standardphrasen von den Menschen längst als strategische Ausweichmanöver entlarvt. 

Während Politiker die Betroffenheitsfloskeln des Vortages wiederholen, entbrennt dagegen in der digitalen Parallelwelt ein zynischer Kampf um die Deutungshoheit: Wer war der Täter, welche Herkunft oder Gesinnung hatte er und – vor allem – welches politische Lager profitiert am Ende von diesem Verbrechen? Der Schmerz der Opfer und ihrer Angehörigen wird dabei zur bloßen Manövriermasse in einem erbitterten Kulturkampf degradiert. 

Das grundlegende Problem politischer Worthülsen liegt darin, dass sie einen echten demokratischen Diskurs im Keim ersticken. Indem Politiker gerade nach emotional aufgeladenen Gewalttaten auf die Textbausteine ihrer Standardfloskeln zurückgreifen, drücken sie sich vor den unbequemen, schmerzhaften Fragen, die einer echten Aufarbeitung im Wege stehen. Wie konnte sich unsere Gesellschaft dermaßen polarisieren und spalten? Welche Herausforderungen gibt es in der Sicherheits-, Bildungs- oder Integrationspolitik? Wie könnten wir unsere Gesellschaft wieder zusammenführen?

Wenn, angesichts zunehmender Entleerung öffentlicher Räume (Innenstädte, Kneipen, Ehrenamt, usw.), nach jedem schweren Vorfall lediglich die „wehrhafte Demokratie“ beschworen wird, ohne dass für die Menschen sichtbar, nachhaltige Konsequenzen oder politische Kurskorrekturen folgen, schwindet das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates. 

Phrasen wirken wie eine kommunikative Schutzmauer, welche die politische Elite vor der ungemütlichen Realität einer zerrissenen Gesellschaft abschirmen soll. Am Ende bleibt nach den obligatorischen Beileidsbekundungen eine gefährliche Leere zurück. Die Gesellschaft spaltet sich weiter, weil die Menschen spüren, dass öffentliche Debatten und Diskurse nicht mehr ihren Lebensrealitäten oder täglichem Erleben entsprechen. Wenn Phrasen die ehrliche, parteiübergreifende Auseinandersetzung ersetzen, verliert die Demokratie ihre wichtigste Waffe: das offene aber auch selbstkritische Wort. Um der Polarisierung wirksam entgegenzutreten, müssen Politik und Medien den Mut aufbringen, die ewig gleichen Skripte beiseitezulegen und die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft ehrlich beim Namen zu nennen und ernsthaft deren Lösung anzugehen.

Aber nicht nur Politik oder Medien tragen eine gesellschaftliche Verantwortung: Auch für jeden einzelnen von uns sollte es eine Verpflichtung sein, sich im täglichen Leben, gemeinsam mit Angehörigen, Kollegen, Freunden, aber auch alleine, am Arbeitsplatz, auf öffentlichen und digitalen Plätzen, in Bus und Bahn, in Schule oder Studium, Zivilcourage zu zeigen und sich offen für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung als Basis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens einzusetzen.

MM

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