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Anmerkungen zu 35 Jahren Deutsche Einheit

Ein Geschenk der Geschichte

01. Oktober 2025

Am 3. Oktober 1990, vor nunmehr 35 Jahren, trat der ostdeutsche Staat dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland bei, nach der alten Norm des Artikel 23 Grundgesetz. Nach 45 Jahren Teilung Deutschlands in zwei politisch und wirtschaftlich unterschiedlich ausgerichtete Staaten, wurde die Chance eines aus heutiger Sicht historischen Zeitfensters genutzt, um die Deutschen in Ost und West wieder zusammenzuführen.

Je nach ideologischem Blickwinkel der Betrachtenden, damals wie heute, war es eine Vereinigung oder ein „Anschluss“. Wie auch die Antwort auf die Frage, ob die vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ in den ostdeutschen Ländern tatsächlich auch erwachsen sind. Als Ostdeutscher aus der Umgebung der Bitterfelder Braunkohletagebaue und Chemiekombinate kann ich Ihnen und Euch versichern, sie sind!

Aus dem Staub zerfallener Innenstädte, dem Dreck maroder Industrieanlagen sowie dem Schlamm vergifteter Flüsse und Tagebaue entstanden im Osten, über all die Jahre seit der Einheit, innerstädtische und landschaftliche Schmuckstücke aber auch moderne Industriebetriebe, die allerdings nicht mehr für jede und jeden eine Beschäftigung bieten konnten. Befeuert durch ideologische Spalter, trübte dann die Unzufriedenheit über die persönliche Situation hier und dort den Blick auf das Erblühen Ostdeutschlands. Angesichts des Verlustes seines Arbeitsplatzes, der ein oder anderen Privilegien oder vielleicht auch des zu DDR-Zeiten entbehrungsreich instandgehaltenen Hauses an einen Alteigentümer aus dem Westen oder andere systembedingte Einschnitte und Brüche im Lebenslauf sowie dem persönlichen Umfeld oder aufgrund wirtschaftlicher Unbedarftheit, ist die kritische Betrachtung dieser Zeit und ihrer Folgen an der ein oder anderen Stelle sogar nachvollziehbar und verständlich.

Und von einem „Anschluss“ kann man schon deswegen nicht sprechen, da die Ostdeutschen nach der Friedlichen Revolution im Herbst 1989, der erzwungenen Streichung des kommunistischen Führungsanspruches aus der DDR-Verfassung sowie der erkämpften ersten freien Volkskammerwahl, am 18. März 1990 mehrheitlich für Parteien stimmten, die sich bereits zu diesem Zeitpunkt offen gegen weitere sozialistische Experimente oder eine „bessere DDR“ (wie auch immer die funktionieren sollte) gewandt hatten und stattdessen für eine schnelle Wiedervereinigung eintraten. Der spätere SPD-Bundesinnenminister Otto Schily war es, der noch an diesem Wahlabend in der ARD den ostdeutschen Wählerinnen und Wählern, wie Äffchen im Urwald, dafür eine Banane vorhielt und schnodderig ihre Wahlentscheidung für die „Allianz für Deutschland“ aus CDU, DSU und DA verächtlich machte, indem er ihren Wunsch nach Freiheit und schneller Wiedervereinigung auf einen schnöden materiellen Beweggrund reduzierte. Für viele Ostdeutsche das erste Symbolbild westdeutscher Arroganz, des „Besser-Wessis“.

Auch für uns, damals noch Jugendliche, waren diese Umbrüche prägend. Als der Autor mit der Einführung des dreigliedrigen Schulsystems in seiner anhaltischen Heimat zum Schuljahr 1991/92 auf das neugeschaffene Gymnasium wechselte, stellten sich in der neuen Klasse alle Schülerinnen und Schüler vor. Natürlich erzählte man auch etwas über seine Familie. Schnell die Ernüchterung: Jeder meiner Mitschülerinnen oder Mitschüler hatte, wie auch ich, mindestens einen Elternteil, der von Arbeitslosigkeit betroffen war. Oftmals zog sich dieses Thema durch die restliche Schulzeit, sorgte bei uns jedoch für die notwendige Motivation unsere schulischen und beruflichen Chancen zu ergreifen, nötigenfalls auch in einer anderen Region oder im Ausland. Denn egal in welchem Land oder System, Bildung kann dir keiner wegnehmen!

Schon während der Ableistung des Grundwehrdienstes 1996/97, war für uns die damals leidige Ost-West-Einteilung der Menschen bereits Geschichte, die Kameraden kamen stattdessen aus Köln, Düsseldorf, Berlin, Merseburg, dem Sauerland oder "MeckPomm". Für die Bundeswehr als "Armee der Einheit" sollte die deutsche Teilung jedoch noch bis 2005 bestehen, dann erst verschwand mit der Einführung des TVöD das unsägliche "Tarifgebiet Ost" im Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) und die geringere Entlohnung von Zeit- und Berufssoldaten in den neuen Bundesländern (1991 nur 60 Prozent, 1997 immerhin "schon" 85 Prozent der Westbezüge). Abgesehen davon, dass man das aus der Ost-Armee in die Bundeswehr übernommene militärische Fachpersonal zuvor um zwei Dienstgrade degradiert hatte. Auch aus heutiger Sicht eine durchaus schäbige Geringschätzung und Herabwürdigung ostdeutscher Kompetenzen und Lebensläufe, die sich, da auch in anderen Bereichen üblich gewesen, bis heute flächendeckend in Wahlergebnissen, rechts wie links, niederschlagen.

Ob Aufbauhelfer oder Glücksritter, ob genutzte Berufs- und Bildungschancen oder Langzeitarbeitslosigkeit, ob aus dem Schoko-Keks-Riegel „Raider“ nun „Twix“ wurde und sich ansonsten nur die Postleitzahl änderte, der Einigungsprozess lief auf beiden Seiten nicht ohne Veränderungen oder Opfer ab. Mal mehr, mal weniger. Und ja, natürlich sind Ostdeutsche grundsätzlich dankbar für die langjährigen Transferzahlungen und die erfahrene, westdeutsche Aufbauhilfe in Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung. Auch wenn das zwecks „Meinungsbildung“ in überwiegend aus dem Westen geführten Presse- und Medienhäusern oftmals zu kurz kam und stattdessen stets Einzelmeinungen als emotionaler Beleg für den vermeintlichen Undank der Ostdeutschen dargestellt oder der „Solidaritätszuschlag“ auf die Einkommenssteuer (der übrigens auch im Beitrittsgebiet eingezogen wurde) als ursächlich für den oftmals politisch verschleppten, wirtschaftlichen Strukturwandel in manchen Regionen Westdeutschlands benutzt wurden.

Ob Ost oder West, ob „neue“ oder „alte“ Bundesländer, ob Deutschland oder Europa, jede und jeder hat sein persönliches Erleben und seine Sicht auf 35 Jahre Deutsche Einheit. Auch das ist gelebte Vielfalt in unserem Land. Statt daher nur auf die vergangenen Jahre zu schauen und uns über die Erfolge und Misserfolge oder die vermeintlich „richtige“ Sichtweise auf die Deutsche Einheit und den fortlaufenden Einigungsprozess zu streiten oder gegenseitig zu belehren, sollten wir vielleicht wieder mehr miteinander über unsere Zukunft sprechen, über Zuversicht und Zukunftschancen aber auch über Sorgen und Nöte.

Denn nur gemeinsam können wir die anstehenden Herausforderungen der Zukunft durch den demographischen Wandel, den Erhalt der globalwirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit und unseres sozialen Wohlstandes, den technologischen Fortschritt sowie die klimatischen Veränderungen bewältigen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch, auch im Namen des DBB NRW, einen frohen und nachdenklichen Tag der Deutschen Einheit!

Ihr/Euer Marcus Michel
(Referent Public Affairs DBB NRW)

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