Veteranentag in Nordrhein-Westfalen am 15. Juni
Unaufrichtige Symbolik
Foto: BMVg Bund live: Das Veteranenabzeichen wird offiziell nur auf zweiseitigen Antrag zugeteilt, bei eBay gibt´s die "Ehrung" bereits ab 10 Euro für alle.
Aktive und ehemalige Soldatinnen und Soldaten für ihren Dienst in den Streitkräften und damit für Deutschland zu würdigen und bewusst in die Gesellschaft zu tragen, ist das offizielle Ziel des Veteranentags, der am 15. Juni 2025 erstmals bundesweit begangen wurde und in diesem Jahr eine Neuauflage erlebt.
Die Bundesregierung hatte bereits 2024 beschlossen, künftig mit einem Nationalen Veteranentag einmal jährlich all jene Bürgerinnen und Bürger zu ehren, die als Soldatinnen und Soldaten ihren aktiven Dienst in der Bundeswehr leisten und geleistet haben. In Deutschland gelten laut dieser Definition rund 10 Millionen Menschen als Veteranen, ausdrücklich auch früher dienstleistende Wehrpflichtige. Für NRW ergibt sich rechnerisch eine Anzahl von rund 2,3 Millionen Veteranen.
Als gut gemeinte Anerkennung für den geleisteten Dienst dürfen sie sich auf Antrag ein sogenanntes Veteranenabzeichen zuteilen lassen und als Identifikationsmerkmal an das Revers heften. Seit dessen Einführung im Juni 2019 wurden bis Mitte 2025 jedoch nur etwas mehr als 132.000 Veteranenabzeichen durch die Bundeswehr ausgegeben und per Post zugesandt, nach vielfacher Kritik an einem schlecht kopierten Zettel, inzwischen immerhin mit einem persönlichen Anschreiben versehen. Eine Anfrage unserer Redaktion an die Pressestelle der Bundeswehr nach einer aktuellen Zahl bisher ausgegebener Abzeichen blieb auch bei Nachfrage unbeantwortet, wie auch die Frage nach der ordensrechtlichen Einordnung dieser „Ehrung“, in Anbetracht inflationärer eBay-Angebote ab 10 Euro. Gemeinsam mit oft ähnelnden Sonntagsreden der Politik erschöpft sich in dieser unaufrichtigen Symbolik scheinbar bereits die Anerkennung des geleisteten Dienstes durch Staat und Gesellschaft.
Diese „Anerkennung“ beruht offenbar sogar auf Gegenseitigkeit: In Anbetracht etwa 8,2 Millionen junger Männer, die zwischen der Einführung der Wehrpflicht im Jahr 1956 und deren Aussetzung 2011 in Deutschland ihren Pflichtdienst abgeleistet haben, deckt sich das vergleichsweise bescheidene Interesse dieser an sich wichtigen Gruppe von Multiplikatoren am Veteranenabzeichen offenbar auch mit der überschaubaren Bereitschaft ihrer Kinder und Enkel, einen freiwilligen Dienst in der Bundeswehr zu leisten. So erlebnisreich, nutzbringend, nachhaltig und ehrenvoll wirkte die persönliche Diensterfahrung als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr vielerorts dann offenbar doch nicht, dass man dafür seinem Umfeld eine Empfehlung aussprechen würde. Kein Wunder, wenn damals selbst fachpassende Diensttätigkeiten nicht einmal als adäquate Praktikumszeit fürs nachfolgende Studium anerkannt wurden.
Zuständig für die sogenannte Veteranenkultur der Bundeswehr ist das Anfang 2024 gegründete Veteranenbüro in Berlin. Laut der sehr allgemein gehaltenen Selbstbeschreibung auf dessen Webseite decken die Aufgabenbereiche jedoch schwerpunktmäßig nur die Interessensfelder von Einsatzveteranen ab, augenscheinlich gehört die (Rück-) Gewinnung früherer Wehrdienstleistender als wichtige Multiplikatoren und Reservisten nicht dazu. Auch in der Fläche leistet das Büro für Ausprägung und Gestaltung gelebter Veteranenkultur keine wahrnehmbaren Impulse oder Initiativen, sondern verlässt sich dagegen nur auf die Aktivitäten motivierter Akteure vor Ort. So bleiben Veteranenkultur und insbesondere der Veteranentag deutlich unter ihren Potenzialen.
Wie man Veteranenkultur besser organisiert, kann man in den Vereinigten Staaten beobachten. In den USA gilt als Veteran ebenfalls jede Person, die in den Streitkräften gedient hat und ehrenhaft entlassen wurde, unabhängig von der Teilnahme an Auslands- oder Kampfeinsätzen. Der Wehrdienst ist in den USA seit 1975 freiwillig. Anders als in Deutschland geben Staat und Gesellschaft den Veteranen für ihren geleisteten Dienst jedoch vielfach etwas zurück: Die wichtigsten Säulen staatlicher Benefits für Veteranen umfassen neben (ergänzender) Gesundheitsversorgung auch finanzielle Unterstützung für Studienkosten durch das „GI Bill“, umfangreiche Ausbildungsangebote, wie auch eine staatlich abgesicherte Baufinanzierung (VA Home Loans) oder steuerfreie monatliche Rentenzahlungen für bedürftige Einsatzveteranen ab 65 Jahren. Im Umfeld des jährlichen „Veterans Day“ am 11. November - für Veteranen gibt es vom Arbeitgeber oft sogar einen bezahlten „Day Off“ - finden in den USA flächendeckend lokale Paraden statt, nicht nur zu ihren Ehren, sondern meist auch zu Ehren daran teilnehmender ziviler Einsatzkräfte des kommunalen Katastrophenschutzes.
Zudem gibt es als niedrigschwellige Anerkennung mit äußerst attraktivem Mehrwert, bei Vorlage der persönlichen Veteran ID Card (VIC), ganzjährig auch ermäßigten oder kostenlosen Eintritt in Museen, Nationalparks oder Freizeiteinrichtungen, Rabatte oder Extras bei vielen Hotels, Restaurants, Geschäften und Online-Shops sowie ein freundliches und oft sogar ernst gemeintes „Thank you for your Service!“ dazu. Manchmal dann der Einstieg in eine anschließende ausführliche, rangübergreifende Konversation über frühere Diensterfahrungen oder Auslandseinsätze, teilweise auch unter Einbeziehung weiterer in der Schlange Wartender.
Zum Redaktionsschluss waren für Nordrhein-Westfalen 15 Veranstaltungen zum Veteranentag gemeldet, auch wirklich nachhaltige, wie zum Beispiel in Euskirchen eine Straßenbenennung nach einem im Afghanistaneinsatz gefallenen Soldaten. Alle Angebote sind auf der Webseite www.veteranentag.gov.de zu finden.
Die Bundeswehr ist seit ihrer Gründung mit unserem Bundesland eng verbunden. An 25 Standorten leisten rund 20.000 aktive Soldatinnen und Soldaten gemeinsam mit 12.000 zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern täglich ihren Dienst. Zudem sind zahlreiche Männer und Frauen Teil der Reserve, allein beim Reservistenverband engagieren sich 15.000 Mitglieder in NRW. Zusammen sind sie nicht nur ein unverzichtbarer Teil unserer Sicherheit nach außen, sondern auch ein verlässlicher Pfeiler für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gerade in Ausnahmesituationen haben sie außergewöhnliche Stärke und Solidarität bewiesen – sei es beim verheerenden Hochwasser im Sommer 2021 oder während der Corona-Pandemie, als zahlreiche Soldatinnen und Soldaten unermüdlich die Arbeit in Gesundheitsämtern unterstützt haben.
MM




